Weihenacht

 

Wieviele Kurven er auch hatte nehmen müssen, um an diesen Punkt zu gelangen – was zählt, ist optimaler Grip. Was wirklich zählt, ist klar. Rolf wußte das, und so hatte er sich nichts vorzuwerfen. Er hatte ein großartiges Turnier gespielt. Sein Erfolg war die Summe richtiger Entscheidungen. Turnier, so bezeichneten sie im Geschäftskreis das fiskale Jahr. Rolf war sehr zufrieden: Im Jahresertragsmittel nahm der Bruttostrahlungsverlust an nichtwarme Flächen nur einen untergeordneten Stellenwert ein.

Mit seinen Geschäftsfreunden, welche auch seine Freunde waren, verbrachte Rolf den Abend in der Hotellobby und gab sich unverfänglichen Gesprächen hin. Er hatte Glück gehabt dieses Jahr; vom Geschäft verstand er eigentlich nicht viel, seine Position war geerbt. Diese Tatsache vermochte sein Selbstwertgefühl jedoch nicht zu erschüttern. Gekonnt überspielte er seine mangelnde Fachkompetenz mit einer ordentlichen Menge Fäkalhumor. Zusätzlich verlasen ihm seine Helfer per Ohrenstöpsel wirtschaftsphilosophische Anleihen aus den Werken eines Walt Disney. Da er den Ohrenstöpsel nicht verstecken konnte, gab er vor, ihn aufgrund eines sehr seltenen Innenohrmelanons tragen zu müssen, für dessen Erfindung er hochrangige Ärzte bestochen hatte. Mit Stolz verwies er bei Bürobesuchen auf das eingerahmte Attest über seinem Schreibtisch. Auch wenn er nicht der klügste war: dumm war er nicht.

Rolf und seine Freunde machten in Richtlinien zur vollständigen Beseitigung von Behaglichkeitsdefiziten. Die allgemeine Behaglichkeit unter den Partnern indes war gut – ihr letzter Coup, eine Neuauflage der Norminnentemperaturauslegungsfälle, war ein großer Erfolg gewesen. Gemeinsam hatten sie die Gleichheitserwartungen der arbeitenden Gesellschaft erneut schmälern können. Am Anfang waren alle skeptisch gewesen, so wie die Kinder, wenn sie sich einmal an Suppe verbrannt hatten, oder Fliegen. Doch wie in der Branche üblich entwickelte sich Irrtum zu Größenwahn. Die G-28 feierten sich. Champagnerkorken schossen wie Aphorismen über das Ziel hinaus und machten die Decke ihrer Selbstgefälligkeit dem Erdboden gleich, die Lobby schmutzig. Ihre Hüllen wurden zu einer Matrix des Vergessens, als Rolf und Co. ihre Horizonte in ein transzendentales Behaglichkeitssyndrom erhoben und in Gedanken überall Autobahnen anbauen ließen. Sie wähnten sich nun in einem Rausch aus Farben und Formen. Der kollektive Realitätsverlust bildete sich zu einer Klimax aus, und Rolf klimatisierte innerlich.

Dann der Anruf: die Sekretärin war durchgedreht, hatte den roten Knopf gedrückt und die gesamte Mondbasis zerstört, sein geheim aufgebautes kosmisches Imperium zur ultimativen Übernahme der Weltherrschaft lag in Schutt und Asche. Rolf biß sich ein Stück Lippe ab, kaute gut durch und ging zurück zu seinen Freunden. Mit einem Gefühl der Scham, wie man es zuweilen bei alten Stühlen vorfindet, gestand er ihnen sein Scheitern.

Rolf hatte gewettet und verloren, nun mußte er den Preis bezahlen. Er schlüpfte in das rot-weiße Guccikostüm und zog mit nichts als einem Leinensack in die Lande, gefüllt nur mit dem nötigsten, um sich die Langweile zu vertreiben. Unterwegs wurde er dann jedoch von gierigen Kindern überfallen; sie nahmen ihm seine Habe ab und warfen ihn in einen Kamin. So verwirklichte unser Held doch noch seinen Traum; sein Mythos ward geboren. Das alles geschah an Ostern oder Weihnachten oder dazwischen, im Jahr der Geburt Jesus.

Ende.

FRENZY: Parabolisch

 

Der Schlechtfühlfim des Jahres kommt aus der Türkei. Eine Quasi-Dystopie minus Futurismus, angereichert mit den Themen von heute; Terror, Paranoia, Unterdrückung.

Ein alternder Häftling erhält einen Bewährungsdeal. Zu seiner Freiheit soll er in einer verdeckten Polizeiaktion als Schnüffler arbeiten. Die zu schnüffelnden Substanzen sind Bombenzutaten. Es gibt einen Crashkurs in Geruchserkennung, dann geht es ab auf die Straße, Mülltonnen durchwühlen und Schrott katalogisieren. Wer keine brauchbaren Infos liefern kann, kommt zurück in den Knast. Das will Kadir (Mehmet Özgür) freilich nicht. Gewissenhaft tippt er tägliche Berichte in seine Schreibmaschine.

Kadir hat(te) zwei Brüder. Der jüngere ist zehn Jahre verschollen, der jüngste, Ahmet (Berkay Ates), erinnert sich kaum noch an Kadir. Entsprechend unbeholfen ist die überraschende Wiedervereinigung. Man kennt sich nicht. Ahmed hat selber dick Probleme; die Familie ist ihm davongelaufen, und seine Arbeit als Hundeerschießer ist sichtlich ungeeignet, die Lücke in seinem Leben zu füllen. Erst als er einen der Hunde heimlich adoptiert, nachdem er bei dessen Tötung versagt hat, kehrt ein Anschein von Sinn zurück. Doch der Akt milder Ordnungswidrigkeit geht mit einer zunächst nur schwer irrationalen Obrigkeitsangst einher, die schnell zum totalen Verfolgungswahn ausartet.

Wenn eines unklar bleibt im oppressiven Sperrwerk FRENZY (Abluka), dann alles. Wohin die Reise geht, ist zu keinem Zeitpunkt absehbar. Doch zwischen Momenten der Handlung entfaltet sich eine Düsterkeit, die wenig Hoffnung darüber läßt, ob jenes Ziel ein gutes ist. Natürlich ist es das nicht. Draußen schwelt ein Krieg zwischen unsichtbaren Attentätern und einer abstrakt einschüchternden Staatsmacht, die das Leben der Protagonisten nicht direkt zu betreffen scheint und doch alles vereinnahmt.

Benannt oder zeitlich verortet werden diese Kräfte bewußt nicht. Regiemeister Emin Alper war nach eigener Aussage bedacht, einen universellen Film zu machen. Dessen Entstehung im Jahr 2014 schließt einen Kommentar zur brandakuten Lage der Türkei 2016 zwar aus, ist von der jüngeren Landesgeschichte aber offensichtlich mehr als inspiriert. Der Austragungsort ist erkennbar Istanbul, doch es sollte auch ein Land vor unserer Zeit sein können. Die gewollte Uneindeutigkeit erzeugt im unbedarften Seher Konfusion. Eine zeitlose Parabel mit Gegenwartsbezug, eine politische Stellungnahme als hypothetisches Fallbeispiel, eine globale Geschichte mit Lokalflair. Was denn nun.

Die gefährlich frustnahe Unsicherheit darüber, wie das Gezeigte zu interpretieren sei, ist der potenzielle Fallstrick, den FRENZY nur dadurch übersteigt, daß genau dies die Pointe ist - Unsicherheit als negative Emotion. Die Herren auf der Leinwand waten darin, Alper macht sie seinem Publikum filmisch spürbar. Die Häßlichkeit des Lebens in schönen Bildern - so schön, wie man verwahrloste Vororte, Müllhaufen und Hundeleichen eben aufnehmen kann. Eine Ästhetik der Klaustrophobie auf weiter Brache.

Nein, schön im Sinne von schön ist das alles nicht. Allenfalls schön beklemmend. Die Welt ist großer Mist, in Alpers Film und in echt. Zumindest diese Frage bleibt nicht offen.

NERUDA: Ein Gedicht

 

Pablo Neruda (Künstlername), Chilene, 1904 - 1973. Dichter, Schriftsteller, Politiker, Aktivist, Kommunist. Diese Person stellt die Inspiration zum Biofic NERUDA, dem Oscarkandidaten von Pablo Larraín. Viel mehr muß man nicht wissen, viel mehr erfährt man nicht. Die historische Lektion des Films ist es, daß ein Mann dieses Namens existiert hat und aufgrund politischer Verfolgung des Landes fliehen mußte.

Das Jahr der Handlung ist 1946. Neruda, der Dichter, ist als solcher ein Schöngeist, der mit glattgeschminktem Gesicht und theatralischer Stimme literaturnobelpreisgekürte Schmonzetten vorträgt. Neruda, der Senator, ist ein spitzzüngiger Konfronteur, dessen Kritik am despotischen Präsidenten Gabriel González Videla von diesem nicht geduldet wird. So verliert Neruda seine parlamentarische Immunität und beginnt die Flucht, welche sich unter der Schwere einer Erzählstimme - dazu später mehr - schnell der Bodenhaftung und jeglichen Anspruchs auf historische Genauigkeit befreit.

An Stelle einer Biografie präsentiert Pablo Larraín viel mehr eine Interpretation seiner Hauptfigur. Nicht Zahlen und Fakten, sondern Gefühle und Stimmungen bilden das filmische Fundament. Der Poesie Nerudas wird mittels der Poesie der Bilder Respekt gezollt. Das könnte nicht funktionieren, wären die Einstellungen, das Licht, die Schauplätze nicht so bestechend schön komponiert wie seine beinahe pausenlose klassische Musikuntermalung. Stichwort Grieg. Ein Film ganz für die Sinne also, mit Ausnahme der beharrlichen Erzählstimme. Dazu später mehr.

Neruda, der Flüchtige, von Luis Gnecco trefflich verkörpert, verbringt seine Tage in der heimatlichen Idylle seiner bessergestellten Kommunistenfreunde, lebt das gute Leben und schreibt. Derweil hat Óscar Peluchonneau es schwer. Der karrieregeile Polizeichef hat den Auftrag, Neruda zu schnappen. Doch der ist immer einen Schritt voraus, Peluchonneau immer einen Augenblick zu spät. Für den Häscher wird Neruda zur Obsession, was die Erzählstimme unmißverständlich zu Wort bringt. Dazu gleich mehr.

NERUDA, der Film, bedient sich gekonnt der Schlüsselszene. Diese kann hier natürlich nicht verraten werden, sorgt aber in ihrer Folge für eine erzählerische Schwerpunktverschiebung vom Verfolgten hin zum Verfolger, dessen Stimme aus dem Off dem immerguten Gael García Bernal in seiner Rolle als Peluchonneau gehört. So wie die Geschichte mit fortschreitender Laufzeit an Fabelhaftigkeit gewinnt, wird jener Kommentar dazu stetig manischer. Neruda wird für den Häscher zur Raison d'être, während er ihm physisch und dem Publikum konzeptionell entgleitet.

»Show, don't tell« heißt es - doch selbst der Einsatz eines Erzählers aus dem Off ist nicht kategorisch zu verurteilen, nur meist schlecht verwirklicht oder schlicht überflüssig. In NERUDA greift das Stilmittel, weil Erzählung im Text und Erzählung im Bild sich wunderbar ergänzen, ein gemeinsames Ziel verfolgen, sich gegenseitig verstärken. Zum träumerischen Pathos von Bild und Musik gesellt sich wohlig-warmes Bettgeflüster.

Wer das Gewäsch im Film und hier im Text nun als »prätentiös« verschreit, hat recht, bedeutet dieses Adjektiv, als Kritik geäußert, doch zirka genau »Ich fühle mich intellektuell eingeschüchtert« und ist ein gutes Mittel, Gefallen oder nicht eines solchen Werks rechtzeitig einzuschätzen. Ein verkopftes Stimmungsstück ist es, eine filmische Zelebration seiner selbst, mystisch, ungreifbar, meta meta. Doch wer sich darauf einlassen mag, gewinnt ganz groß.

SAFARI: Nur du und das Stück

 

Ulrich Seidl hat mal wieder einen Dokumentarfilm gemacht. Thema: siehe Titel. Genauer: Wir beobachten den weißen Lusttöter, der extra nach Gesamtafrika angereist ist, um das eine oder andere Stück zur Strecke zu bringen. Stück = Tier, wie z.B. Zebra, Gnu, Giraffe. Er tut das, weil er's geil findet, aber nicht geil genug, um eine vernünftige Kamera mitzubringen, weshalb die Trophäenfotos mit dem Handy gemacht werden müssen. Außerdem, das Schießen mit dem Gewehr ist schon teuer genug. Denn jedes Stück hat einen Listenpreis im Reservat. Weil ein Zaun das etliche Quadratkilometer große Gebiet umspannt, handelt es sich also nicht um Wildnis, nicht um Wild und auch nicht um Wilderei.

Seidl garantiert, daß allen gezeigten Tieren tatsächlich Gewalt angetan wurde; man darf dabei sein beim Ausspähen und Erschießen, beim Gruppenfoto mit Kadaver, beim Abtransport mit dem Kranwagen, bei der Häutung, Entweidung und Zerlegung, und zu guter Letzt sieht man noch dem schwarzen Gutsdiener bei der Resteverwertung zu, als er der Regie folge leistend mit starrem Blicke in die Kamera auf einem Knochen nagt. Dazwischen horcht man, zu allerlei erheiterndem Ekel, den stilisiert unter gestopften Tierköpfen gefilmten Aussagen der Jagdgäste zu, wie sie ihre orgasmischen Gefühle nach dem Abschuß beschreiben oder erklären, wie die Tötung Einzelner den Tieren insgesamt hilft, man erwische ja ohnehin nur die alten und schwachen.

Max Moor, der früher mal Dieter hieß und im Film nicht vorkommt, ihn aber anmoderieren darf, sagt es so: Man fühle sich immer schlecht nach einem Ulli Seidl Film und zugleich als besserer Mensch; immerhin sei man nicht so schlecht wie die im Film. Als rechter Karnivore aber darf die Wildjagd in der Steppe nicht erschüttern. Fleisch ist lecker, und immerhin wird voll verwertet: Es gibt eine Trophäe für die Wand, einen neuen Teppich aus Echtfell und massig Mahlzeit auf den Tisch. Verkommen tut nichts, auch kein Filmmaterial - Seidl zeigt alles, was er hat, ruhig, sicher, erfahren. Ganz schnell steckt man drin im Geschehen und kann nicht mehr wegdenken. Der Sog der Widerwart ist stark in SAFARI.

Empörung darüber, daß man das Tier töten muß, bevor man es essen kann, ist freilich schwer geheuchelt. Unbedarft anstoßen möge man sich hingegen an der Wollust und dümmlichen Rationalisierung, welche die Akteure dem Akt entgegenbringen. Was Seidls Subjekte, die Safaristen, zu dieser Diskussion und ihrer Darstellung im Film nach dessen Sichtung beizutragen hätten, will ein Zuschauer wissen. Seidl: »Diese Menschen haben dazu nichts zu sagen. Weder die Schwarzen noch die Weißen.«

Also: Der fette Weiße will Fleischfresser sein, sich aber nicht die Finger beschmutzen. Ein paar intellektuelle Fußgänger werden steif/feucht dabei, wenn sie eben jenes tun dürfen. Ein Regisseur mit feinem Händchen dreht zu unser aller Belustigung einen Betroffenheitsporno darüber. Klassische Win-Win-Win-Situation.

THE STUDENT: Sohn Mist

 

Inga Yuzhina (Yuliya Aug) ist alleinerziehende Mutter und hat ein Problem. Ihr Sohn Veniamin (Pyotr Skvortsov) ist nicht nur Opfer einer slavischen Konsonantenverschiebung, er spinnt auch noch. Das ist zunächst nicht weiter ungewöhnlich, er ist in der Pubertät. Da spinnt man halt mal. Und die Eröffnungsszene sieht zunächst auch aus wie ein ganz normaler Familienstreit - Venia war seit Wochen nicht im Schwimmunterricht und will eine Entschuldigung von Mamuschka. Man könnte doch was von "aus religiösen Gründen" schreiben.

Leider entpuppt sich das als nicht nur einfach so daher geredet und Venia fängt an, mit Überzeugung und heiliger Wut aus der Bibel zu zitieren. Und das kreuz und quer, meist Verse über Verbote, Unzucht und des Herrngotts Faible für sadistische Strafen - die entsprechenden Bibelpassagen werden eingeblendet, man kann also mitlesen. Vorausgesetzt, man kann sehr schnell lateinische Zahlen entziffern.

Zunächst entfremdet Venias religiöses Erwachen ihn von seinen Mitmenschen, insbesondere Klassenkameraden und Lehrerschaft (größtenteils ältere Frauen, die noch in der Resignation des Spätsowjetregimes hängengeblieben scheinen und lediglich die Portraits und Fahnen ausgetauscht haben). Lediglich Grigoriy (Aleksandr Gorchilin), der wegen einer kleineren körperlichen Behinderung ausgegrenzt und gehänselt wird, läßt sich auf Venia ein und versichert ihm, seinen Glauben zu teilen. Was tut man halt nicht, um von irgendjemandem akzeptiert zu werden. THE STUDENT ((M)uchenik) basiert auf einem Theaterstück, Schauplätze und Besetzung sind entsprechend überschaubar. Das ist nicht schlimm, es bleibt Zeit die Charaktere zu erörtern und auch in den zunächst unsympathischsten Figuren ein Stück Menschlichkeit aufzuzeigen.

Allein Venia selbst entzieht sich größtenteils des Mitgefühls der Zuschauer - es gibt zwar Andeutungen bezüglich eines schwierigen Verhältnisses mit dem geschiedenen Vater, aber in erster Linie wird er als psychisch gestört und/oder unnachgiebig fanatisch charakterisiert. Sympathieträger dürfte neben der armen Sau Grigoriy für die meisten die von Viktoriya Isakova wunderbar renitent und überzeugt gespielte Biologielehrerin Elena Krasnova sein, die gewissermaßen als Stellvertreter für den rational wissenschaftlichen Kinoafficiando fungiert - in Anlehnung an den wunderbar vielseitigen englischen Begriff »Proxy« sei hier das Wort »Proxe« geprägt.

Elena läßt sich die rückständigen und unwissenschaftlichen Tiraden des Tunichtguts nicht gefallen und tut alles, um ihn als verblendet bloßzustellen. Paradoxerweise aber macht sie damit alles nur noch schlimmer. Die Rektorin und ihre treue Knechtin empören sich zwar über den Jungen, dann aber auch über die aus ihrer Sicht übertrieben progressiven Lehrmethoden Elenas. Und außerdem schlummert in den Damen auch immer noch ein Rest christlicher Prägung - was in der Bibel steht kann ja nicht ganz falsch sein! Also werden plötzlich die Mädchen der Klasse zu Badeanzug statt Bikini gezwungen, und warum sollte man neben der Evolution nicht auch die Schöpfungsgeschichte lehren? Und irgendwann fällt es leicht, eine Metapher für die vehemente Fortschrittsverweigerung von Konservativen und Fanatikern zu erkennen, die mit Lautstärke und Überzeugung oft mehr bewirken als Menschen mit Ratio und modernem Ethikverständnis.

Es ließe sich noch mehr sagen, aber es ist hoffentlich schon klar geworden, daß THE STUDENT faszinierend genug für eine klare Empfehlung ist. Die Russen wissen halt, wie man Wut, Verzweiflung und andere billige Psychoschlagwörter in den verschiedensten Medien gut rüberbringt. Sie wollen uns quasi fertigmachen, indem sie uns die Abgründe des Seelensumpfs vorspiegeln und wasweißich. Dazu trägt die fantastische Besetzung ebenso bei wie die schlaue Kameraführung, die gerne sehr nah an Geschehen und Gesichter rangeht.

Wer die Gelegenheit hat, Kirill Serebrennikovs kinematisches Drittlingswerk THE STUDENT zu sehen, sollte sich schämen, wenn sie ungenutzt bleibt. Viel Tiefsinn und schwere Kost wird durch grotesk-witzige Dialoge aufgefrischt, es gibt also zu denken und zu lachen, und am Schluß wird kräftig genagelt. Was will man mehr?

THE SALESMAN: Bruch mit der Wendung

 

A Seperation (Jodaeiye Nader az Simin) war genial und der große Durchbruch (milde Anerkennung unter Cineasten) des iranischen Regisseurs mit dem Namen Asghar Farhadi, der iranische Filme im Iran über Iraner macht, die iranische Leben leben. Kurz gesagt: das Schaffen des Mannes ist superkulturell und sein tollster Film wird in jeder Kritik seiner Nachfolgewerke zu Recht gleich zu Beginn zitiert, weil er so toll ist. Und weil der schnell gelangweilte Leser damit gleich die Chance bekommt, sich seines Fachwissens wohlzufühlen oder auch nicht, in welchem Falle hier noch einmal genötigt sei: Schaut A Separation.

Denn wenn man nur ungefähr zwei Stunden Zeit und die Qual der Wahl hat, muß das neue Ding klar abstinken, so unfair das auch sei, denn es ist ja auch viel Gutes dabei. Von vorne: Rana (Taraneh Alidoosti, Frau) und Emad (Shahab Hosseini, Mann) müssen blitzartig umziehen, denn dem alten Heim wird Einsturzgefahr attestiert. Also alle schnell raus und die erstbeste Wohnung vermittelt bekommen, in der noch die alten Sachen der Vormieterin im Flur rumstehen. Muß man mit klarkommen, kommt schon weg irgenwann, Wohnung ist ohnehin nicht für ewig etc. usw.

Der große Wendepunkt kommt, als Rana im Irrtum einem Fremden die Tür öffnet, weil sie Ihren Mann erwartet. Der Fremde ist auch im Irrtum, denn er sucht die Gesellschaft der Exbewohnerin, einer Prostituierten - wie später klar wird. Die Begegnung zwischen Rana und ihm ist eine kurze Auslassung im Film, deren Folge mit Blut zu tun hat, Ranas Blut. Emad trifft sie im Krankenhaus wieder, verstört. Er will Anzeige erstatten, sie weigert sich. Die Situation ist angespannt.

Farhadi beschäftigt erneut eine Ehe und er sich damit. Emad hat Probleme mit der Frau, die sich nach dem Übergriff verschließt, typisch Frau. So muß man sich das als abendländisches Augenpaar zusammenreimen, wenn man das spezifisch iranische Spannungsverhältnis zwischen religiöser Leitkultur und gesellschaftlicher Realität nicht nachvollziehen kann, und wer kann das schon. Das lax getragene Kopftuch verdeckt die weibliche Anmut nicht im Geringsten. Die progressive Mittelschicht dieser Filme hängt klar einer vorajatollischen Zeit nach, wo die Frau dem Mann noch einfach so mit Scheidung drohen kann.

Fort vom fehlgeleiteten politischen Kommentar, zurück zum Film. Jener gibt sich in der Entwicklung seiner Geschichte über weite Strecken behäbig. Da ist Emads Lehreralltag und die abendliche Theaterprobe vom Tod eines Handlungsreisenden, in welcher das Ehepaar vom Ehepaar gespielt wird. Rana richtet sich zu Hause ein. Lange oder für immer bleibt die dramaturgische Relevanz vieler Szenen und Szenarien im Dunkeln. Wohin das alles führt, wird erst klar, als Emad per Zufall auf eine Spur zum Täter stößt, spät in der Laufzeit, nah einem erfreulich befriedigenden Finale. Doch nicht jeder Schritt dorthin hätte sein müssen, auch nicht zum Zwecke der Charakterisierung. Und der Brückenschlag zum Theaterstück im Film, welches im THE SALESMAN (Forushande) heißenden solchen ja mit einer Relevanzerwartung behaftet ist, schlägt ohnehin fehl, denn wer geht denn heute noch ins Theater und hat dementsprechend überhaupt eine Ahnung. Nicht die Kinofritzen.

Wiederholung: Der neueste Streich des feinen Herrn aus dem Teheran ist nur gut. Schaut A Seperation. Einfach klasse.

65DAYSOFSTATIC live: Renitenz gegen die Reminiszenz

 

Im Grunde sind alle Konzertkritiken gleich. Alles supi, prima Stimmung, nette Vibes. Bißchen zu laut, klar, aber die Spätkommer aus der letzten Reihe des Lebens sollen ja auch was mitkriegen dürfen, grr. Oder Pustekuchen, viel zu laut, soll aber so sein wegen Katharse; die Aggros müssen raus. 65DAYSOFSTATIC brettern weg, daß sich die Balken biegen. Scheiß auf die Nuance, der Album-Mix kann nix, schon gar nicht LAUT, und wird konsequent geshreddert. Volles Rohr, das Brett ist fett.

Nachdem man bereits im Post- und Math-Rock mit kräftig Glitch- und Noise-Würze fest etabliert war, kam im jüngsten Album noch der Space (-Rock) hinzu, also das All. Also alles wird jetzt abdeckt; wenn nicht per Genre, dann zumindest per Thema - dank der Kreation des Klangs zum Kontrovers-Kracher No Man's Sky, ein Videospiel, das seines sanftmütigen Soundtracks zum Trotz viel Rage unter seinen Vorbestellern auslöste, weil es nicht das beste Spiel aller Zeiten war, sondern nur einigermaßen passabel. Ob solche Hasser im Publikum dabei sind, wird nicht erörtert. Egal. Daß jene von der live performierten Rückschau auf das eben Gewesene »triggered« würden, erscheint angesichts des harten Durchgreifens gegen das musikalische Detail ohnehin unwahrscheinlich, denn wie gesagt, Brett vs. Aggros, s. oben.

Klar auszumachen hingegen: echte Fans. Vordermann Joe kommt nicht umhin, sich des karrikativ überschwenglichen Applauses mehrfach erkenntlich zu zeigen, bevor er beiläufig und gleichgültig Fehlklänge auf der Stromgitarre anstimmt, um den jeweils nächsten Song einzuleiten. »Song« freilich im metaphysischen Sinne, denn gesungen wird hier gar nix. Bloß, weil Robert Smith (The Cure) keine Zeit für eine Tournee hat oder sich zu schade ist, seinen solitären Gastgesang von dem einen Lied aus dem einen Album vorzutragen. Wer stattdessen sporadisch (zwei Mal) aushilft, sind die Begleiter der Vorgruppe Thought Forms, welche nebenbei bemerkt auch eine Purchase Decision wert sind. Die Aushilfe verhält sich allerdings rein instrumental, denn das hier ist nun mal eine Instrumentalgruppe, und wenn es an der Gitarre, den Synthies oder Drums mal nichts zu tun gibt, wird ekstatisch durch die Luft gefuchtelt. Insbesondere Joe wähnt sich als Dirigent post mortem; den Ton gespielt, den Arm bewegt, in dieser Reihenfolge.

»Bang fürs Buck«, also Fete für die Knete, ist auch dabei. Viel Gejohle für die Kohle. Kaum Moos und doch was los. Laß die Asche in der Tasche: das Ständchen geht zwar keine 65days, aber für 100 Minuten muß keiner bluten. Und hier noch einer für den Dönermann: Spaß am Spieß für wenig Kies. 8/10 would buy again.