Jun Togawa

 

Japan, Mitte 80er. Jun Togawa [戸川純] ist ein alter Hut aus einem fernen Land und verdient unsere volle Aufmerksamkeit als Musikenthusiasten.

Die Eckdaten: Geboren 1961, kurz darauf nebst Schauspielerei als Sängerin in mehreren Gruppen tätig: 1980 zunächst als Nebenchanteuse in Halmens [ハルメンズ], nach deren Auflösung 1982 mit Guernica [ゲルニカ], ab 1984 außerdem mit Yapoos [ヤプーズ] und als Solokünstlerin, sowie gelegentlich als Gaststimme in diversen anderen Formationen. Letztes Album mit Yapoos 1995, danach kaum Bandaktivitäten. Ihr letztes Soloalbum erscheint 2004, seither ist sie nur gelegentlich als Kollaborateuse tätig. Musikgenre: Jun Togawa.

Tatsächlich deckt Frau Togawa musikalisch ein breites Spektrum zwischen 80er New Wave, Cabaret, Pseudo-Pop, Jazz, Folklore usw. ab und wird darum der Einfachheit halber gerne unter Avantgarde abgeheftet. Die Konstanten über alle Jahre und Projekte hinweg sind ihre Stimme und Persönlichkeit, besser: ihre multiplen Persönlichkeiten. Denn sie ist nicht einfach nur Sängerin, sondern Darstellerin von der Sorte, die ganz mit ihrer Kunstfigur verschmilzt. Es ist jene Figur, die dabei häufig und auch gerne innerhalb eines Stückes zwischen kindlich, wahnwitzig, wütend, gepeinigt, exstatisch und schlicht theatralisch oszilliert. Medium dieser Zustände ist, nebst einer immersiven Live-Darbietung durch Mimik und Körpersprache, ihre Stimme, die nahtlos von quietschend über kreischend zu opernhaften Vibrati wechselt, daß es eine Freude ist. Jun Togawa ist eine hervorragende Sängerin, die es bevorzugt, über weite Strecken nichts davon preiszugeben.

Wie bei Musikkritik üblich, ist alles Gefasel hinfällig, wenn die Höprobe trumpft, und das tut sie immer. Darum sei dieser knappe Text auch nur als freundlicher Hinweis zu verstehen.

Wozu die Worte? Die emotionale Reise durch Togawas Gemütszustände ist ohne Begleittext und frei von Sprachverständnis nachvollziehbar, doch aller guten Teile sind drei. Beim nächsten Mal: Gedichtinterpretationen. Die Gedichte sind Liedtexte. Wer hier Expeditionen ins Widerwärtige erwartet, liegt richtig.