DER LETZTE SOMMER DER REICHEN: Kalt, so kalt

 

Peter Kern ist im Berliner Zoo Palast bereits gemeinsam mit Fassbinder ausgebuht worden, weshalb er das Kino sehr schätzt. Dies war freilich vor dem großen Umbau, dem wir seit 2013 einen wirklich fantastischen, großen, modernen Kinosaal mit absolut spitzenmäßigen Sitzen verdanken. Groß, bequem, mit Beinfreiheit und Rücklehnmechanik. In solch entspannter Atmo buht es sich nur ganz beschwerlich - nicht mal auf Kommando. Der Peter, unser Regisseur, wollte dies nämlich gleich vorneweg erledigt haben und rief vor Filmstart zu einer großen Runde Buh auf, welche erst beim vierten Anlauf zufriedenstellend lautstark ausfiel.

Dabei hat DER LETZTE SOMMER DER REICHEN all die Koketterie gar nicht nötig - so schlecht ist der Film nun auch wieder nicht. Nur sehr albern, was sich nicht auf Anhieb erschließt und, so man anfangs noch dem Bären eines bissigen Kapitalisten-Psychogramms aufgesessen ist, leicht zu Irritation führen kann. Ihren Bär läßt sich Voll-Lesbe Hanna von Stezewitz (Amira Casar) gerne im Bordelle irritieren, wo sich unter der Theke auch Auftragsmorde buchen lassen. Praktisch, denn den Abtritt ihres kranken Großvaters, dem alten Nazi, kann die Konzernerbin nicht länger erwarten.

Was folgt, ist ganz großer Unfug in hoher Theatralik, irgendwo in Fantasie-Österreich, wo es Homoehe gibt. Überhaupt wirkt alles wie für die Bühne geschrieben - eine Eigenschaft, die der Film nebst grobthematischer Ähnlichkeiten mit dem im Vorjahr erschienenen, jedoch um einiges wortgewandteren Zeit der Kannibalen gemein hat.

Dem Vorwurf der Unglaubwürdigkeit entzieht sich der Film durch eben seine Albernheit. Das Gefühl, ernst genommen werden zu wollen, haftet ihm nicht an. Und doch gibt es Aspekte, die sich mit dieser Leichfüßigkeit nicht ganz vertragen wollen. Hanna wird zugleich als dekadentes, gewissenloses Geldmonster sowie als Opfer familiärer Entfremdung (teilverursacht durch Elterntod) und der zynisch kannibalistischen Sozialstruktur der High Society aufgeführt, in die sie aufgewachsen ist. An Hanna haftet die gesamte Handlung, und doch ist sie nur Frau in einer Buhmannrolle. Der Haß auf das System, dessen Gallionsfigur sie selbst ist, bestimmt ihr Handeln und wird folgerichtig zum Katalysator ihres Untergangs.

Zwischendurch ist aber Zeit für allerhand Schabernack und Seitenhiebe. Ein vertrottelter Killer, eine gedemütigte Domina, ominöse Nonnen. Wohin das alles führt, ist erfrischend unklar. Nicht ganz so erfrischend ist die Unklarheit mancher Dialoge, welche jedoch weniger dem Akzent der drolligen Ösis und vielmehr dem oft rudimentären Sounddesign geschuldet ist. DER LETZTE SOMMER DER REICHEN protzt nicht mit opulenter Präsentation - geradezu bescheiden ist der Blick in den langen dunklen Fünfuhrtee der Kapitalistenseele.